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FT2 Digital Mode: Wenn ein QSO auf Kurzwelle zur Stoppuhr-Übung wird

Ein neuer experimenteller Digitalmodus namens FT2 sorgt derzeit für Diskussionen in der Amateurfunkwelt. Mit gemeldeten vollständigen QSOs in nur 7 bis 11 Sekunden verspricht FT2 eine bisher unerreichte Geschwindigkeit im Umfeld der WSJT-basierten Betriebsarten. Doch handelt es sich um einen echten Fortschritt – oder um die nächste Stufe der Automatisierung auf HF?

Als FT8 innerhalb der Software WSJT-X eingeführt wurde, war die Reaktion gespalten. Kritiker sprachen von „Roboterfunk“, Befürworter sahen eine Revolution im Schwachsignalbereich. Die Entwicklung ist eindeutig: Heute entfallen – basierend auf PSKReporter- und Cluster-Statistiken – rund 60 bis 70 % aller weltweiten digitalen HF-QSOs auf FT8. Unabhängig von der Debatte hat sich FT8 als dominanter Standard etabliert.

Der schnellere „kleine Bruder“, FT4, konnte sich hingegen nie in vergleichbarem Maß durchsetzen. Technisch schneller, aber etwas weniger empfindlich, blieb FT4 ein Nischenmodus. Paradoxerweise liegt genau darin sein Vorteil: Die FT4-Segmente sind oft deutlich ruhiger, weniger überfüllt und ermöglichen es dem einzelnen Operator leichter, im Wasserfall sichtbar zu bleiben.

Nun tritt FT2 auf den Plan – nochmals schneller, mit klarer Fokussierung auf Durchsatz statt auf maximale Empfindlichkeit.

Was ist FT2?

FT2 ist derzeit kein offizieller Bestandteil von WSJT-X, sondern ein experimenteller Fork der Version 3.0.0-rc1 unter dem Namen „Decodium 3“. Entwickelt wurde das Projekt laut Berichten von IU8LMC mit Unterstützung des ARI Caserta Teams. Die Verbreitung erfolgt aktuell im begrenzten Alpha-Kreis.

Ziel ist es, die Sende-/Empfangszyklen so weit wie technisch vertretbar zu verkürzen, ohne die bekannte 77-Bit-Nachrichtenstruktur der WSJT-Modi zu verändern.

Technische Eckdaten

  • Zykluslänge: ca. 3,75–3,8 Sekunden

  • Vollständiges QSO: ca. 7–11 Sekunden

  • Modulation: 8-GFSK

  • Payload: 77 Bit

  • Bandbreite: ca. 150 Hz

  • Dekodierschwelle: etwa −12 bis −14 dB

  • Zeitgenauigkeit erforderlich: ±50 ms

Zum Vergleich:

  • FT8: 15-Sekunden-Zyklus, ca. 50 Hz Bandbreite, Dekodierung bis etwa −20 dB

  • FT4: 7,5-Sekunden-Zyklus, ca. 83 Hz Bandbreite, Dekodierung bis etwa −17 dB

Die Strategie ist klar: höhere Geschwindigkeit durch größere Bandbreite und reduzierte Empfindlichkeit.

Durchsatz und Wettbewerbsvorteil

Modus Zyklus QSO-Dauer QSOs/Stunde
FT8 15 s ~60 s ~60
FT4 7,5 s ~30 s ~120
FT2 ~3,8 s ~11 s ~240

Unter Idealbedingungen kann FT2 die QSO-Rate von FT8 theoretisch verdreifachen. Für digitale Wettbewerbe, DXpeditionen oder stark frequentierte Sonderstationen ist dies ein klarer strategischer Vorteil. In solchen Szenarien zählt nicht die maximale Schwachsignalfähigkeit, sondern die Anzahl der Verbindungen pro Zeiteinheit.

Der Preis der Geschwindigkeit

Geringere Empfindlichkeit

FT8 dekodiert Signale bis etwa −20 dB oder darunter. FT2 liegt mit −12 bis −14 dB deutlich darüber. Das bedeutet:

  • Keine Optimierung für schwache Signale

  • Weniger geeignet für QRP im Rauschbereich

  • Fokus auf stabile, starke Signale

FT2 ersetzt FT8 nicht – es ergänzt es als Spezialwerkzeug.

Größere Bandbreite

Mit etwa 150 Hz beansprucht FT2 rund das Dreifache der FT8-Bandbreite. In stark belegten Digitalsegmenten reduziert das die Anzahl paralleler Signale. Besonders auf schmalen Bändern wie 30 m ist dies relevant.

Die erhöhte Bandbreite ist kein Nebeneffekt, sondern eine zwingende Voraussetzung für die 3,8-Sekunden-Zyklen.

Strengere Zeitsynchronisation

Die Toleranz von ±50 ms ist viermal strenger als bei FT8. Eine präzise NTP-Synchronisierung ist daher obligatorisch. Systeme mit driftender Systemzeit könnten Dekodierprobleme bekommen.

Einsatzbereiche

FT2 ist klar positioniert für:

  • Digitale Wettbewerbe mit hoher QSO-Rate

  • DXpeditionen mit starkem Andrang

  • Sonderstationen mit Zeitdruck

  • Stabile Ausbreitungsbedingungen mit hohem Signalpegel

Für klassische Schwachsignal-DX-Jagd bleibt FT8 das Mittel der Wahl.

Technische Innovation oder weitere Automatisierung?

Die Diskussion ist weniger technisch als philosophisch. FT8 reduzierte das QSO bereits auf strukturierte Minimalnachrichten. FT2 komprimiert diesen Ablauf weiter.

Rufzeichen → Rapport → Bestätigung → 73

In rund 11 Sekunden.

Für die einen ist das Effizienz. Für andere eine weitere Entkopplung vom ursprünglichen kommunikativen Gedanken des Amateurfunks.

Aktuelle Testfrequenzen

Gemeldete Aktivität unter anderem auf:

  • 160 m: 1.843 MHz

  • 80 m: 3.578 MHz

  • 40 m: 7.052 MHz

  • 20 m: 14.084 MHz

  • 10 m: 28.184 MHz

Spots sind bereits über PSKReporter sichtbar.

Pro und Contra

Vorteile

  • Extrem hoher QSO-Durchsatz

  • Effiziente Abwicklung von Pile-ups

  • Kompatible 77-Bit-Struktur

  • Wettbewerbsoptimiert

  • Potenzieller Ersatz für RTTY im Contestbereich

Nachteile

  • Geringere Schwachsignal-Empfindlichkeit

  • Höherer Bandbreitenbedarf

  • Strenge Zeitsynchronisation

  • Begrenzter Mehrwert im Alltagsbetrieb

  • Weitere Automatisierung strukturierter QSOs

FT2 ist keine Revolution im Schwachsignalbereich, sondern ein Experiment in maximaler zeitlicher Effizienz. Es verlagert den Fokus von Empfindlichkeit auf Geschwindigkeit.

Und die vielleicht ironischste Beobachtung: Selbst ein 11-Sekunden-QSO im FT2-Modus ist nur geringfügig länger – oder zeitlich durchaus vergleichbar – mit vielen heutigen Alltags-QSOs außerhalb von Wettbewerben, die sich faktisch auf ein hastiges „Rufzeichen – 59 – 59 – 73 – QRZ?“ reduzieren.

Insofern beschleunigt FT2 den Amateurfunk möglicherweise nicht dramatisch. Es formt lediglich in ein Protokoll, was der praktische Betriebsalltag vielerorts längst geworden ist.



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